Dr. H. Bischoff

Welche Wirkungen hat der Austritt Englands aus der EU auf die Finanzmärkte? Nach den heftigen Preisausschlägen im Nachgang der Brexit-Entscheidung stellt sich die Frage, ob dies eine Trendwende einleitet oder ob diese eine kurze Episode ohne weitere Auswirkungen ist.

Eine Singularität ist ein Ereignis mit durchgreifenden, irreversiblen Systemveränderungen. Turbulente Systeme entwickeln immer wieder Singularitäten, die einen Übergang von einem (meta)stabilen Systemzustand zu einem anderen, möglicherweise wieder (meta)stabilen Regime ermöglichen. Manchmal führt der Weg aber auch über eine Fülle instabiler Zustände, bis schließlich wieder eine Zone der Stabilität erreicht ist.

Der Fall Italien

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Abbildung 1: Preisverlauf des MSCI-Italy ETF seit 1997

Stabile Systemzustände setzen Finanzmärkte in geordnete Preisentwicklungen für die Mehrzahl der Assets um. Ein Blick auf den Preisverlauf des MSCI Italy (Abb. 1) zeigt, dass der Brexit an einem – zumindest für Italien – entscheidenden Zeitpunkt erfolgt: Der Preis des ETF ist wieder auf dem Stand des Jahres 2012 gefallen. Damals stand das Land kurz vor dem finanziellen Kollaps. Charttechniker kennen das Spiel: fällt der Preis des Assets in den nächsten Wochen weiter, wird dies als strategisches Verkaufssignal interpretiert, mit entsprechenden Folgen für Investments. Italien ist die dritt-größte Volkswirtschaft der Eurozone, eine weitere Kursschwäche des dortigen Aktienmarktes wäre eine schwere Bürde für europäische Assets als Ganzes. Am Tag der Verkündung des Brexit war der italienische Aktienmarkt mit einem Preisabschlag von mehr als 10 Prozent der hauptbetroffene Markt Europas1. Warum? Waren Spekulanten am Werk oder steckt mehr dahinter? Etwa die Vermutung, dass auch Italien für einen Exit aus der EU stimmen würde, falls ein Referendum angesetzt würde?

Sorgenkind: Mexikanischer Peso

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Abbildung 2: Entwicklung des Währungspaares Mexikanischer Peso vs. US-Dollar

Am Tag der Entscheidung über den Brexit verkündete Luis Videgaray,  der Finanzminister Mexikos, weitere Einschnitte bei staatlichen Leistungen an. Die Regierung versucht mittels Austerität das Vertrauen der Finanzmärkte wieder zu gewinnen.  Der Peso trug bereits vor dem Brexit-Event die rote Laterne aller Schwellenländerwährungen,  hatte bereits überproportional gegenüber dem Dollar abgewertet. Am Freitag wertete der Peso unter hohem Volumen nochmals ab und unterschritt sein Low aus dem Februar. Der unbefangene Beobachter wundert sich. Die Finanzmärkte haben ihre eigene Logik: Mit dem Brexit ist die Wahrscheinlichkeit für einen Wahlsieg von Trump im Herbst gestiegen, der will bekanntlich das Freihandelsabkommen durch einen Mauerbau quasi außer Kraft setzen. Im Grunde sehen wir hier aber das gleiche Muster wie beim MSCI Italy.

Immer Dabei: Japan

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Abbildung 3: Entwicklung der Währungspaare USD/JPY /Kerzen) und EUR/JPY(Linie) seit Juli 2013

Gibt es eigentlich eine potenziell krisenhafte Entwicklung, bei der der japanische Markt nicht hyperventilliert?  In der Abb. 3 ist die phänomenale Aufwertung des Yen gegenüber dem US-Dollar und dem Euro seit Jahresbeginn dargestellt. Es war erklärtes Ziel von Ministerpräsident Abe, durch eine Abwertung der Landeswährung eine Anschubfinanzierung für sein Reformprogramm (Abenomics) zu erhalten. Am Freitag war zeitweise 1 Dollar 100 Yen wert, genau das Preisniveau des Jahres 2014. Gegenüber dem Euro hat der Yen seit 2014 um fast 50 Prozent aufgewertet. Kein Wunder, dass es dem Land nicht gelingt, aus der Deflationsspirale auszubrechen.

Im Falle Japans muss man immer umdenken: Da die Regierung Händler mit niedrigsten Zinsen ermutigt, sich spekulativ im Yen zu verschulden, ist eine Aufwertung der Währung das eigentliche Krisensignal, weil die Händler ihre Yen-Shortpositionen im Zuge einer Risikominimierung covern.

Die extreme Bewegung im Yen ist der beste Indikator für die Risikoaversion der Marktteilnehmer. Nach einer hastig einberufenen Pressekonferenz, auf der einstudierte PR-Phrasen gedroschen wurden, erholte sich der Yen tatsächlich.

Indien: Commonwealth-Hopes

Auch in Indien purzelten die Notierungen an den Aktien- und Währungsmärkten nach den ersten Wahlergebnissen. Die Rupie wertete gegenüber dem US-Dollar um 10 Prozent ab. Schaut man in die Wochenendkommentare der indischen Wirtschaftspresse, dann überwiegen positive Kommentare. Man erkennt (a) dass die Wirtschaftsbeziehungen zur EU deutlich umfassender und wichtiger sind, als die mit Großbritannien und (b) dass England bereits vor dem Referendum einen Minister eigens für den Ausbau der Handelsbeziehungen zu Indien installiert hat. Dahinter macht man einen längerfristigen Plan aus, einer Art Retro-Great-Empire. Hiervon verspricht man sich ökonomische Fortschritte. Die Kursverluste schreibt man auch dem geldpolitischen Vakuum nach dem Rücktritt des Finanzministers zu.

Fazit

Wir verzichten hier ganz bewußt auf die Einordnung des Brexit  in einen beliebigen Kontext und nehmen die Rolle eines Beobachters ein, der Dinge nicht interpretiert. Die Preisreaktionen der Finanzmärkte unmittelbar nach der Brexit-Entscheidung zeigen alle Anzeichen einer „ganz normalen, von Spekulation getriebenen Übertreibung. Die Marktteilnehmer adressierten „die üblichen Verdächtigen“ und trieben dort die Preise in eine gewünschte Richtung. Am Wochenende haben die EU-Institutionen gezeigt, dass sie sich auf den Brexit vorbereitet haben. Die britische Regierung hat ebenfalls Vorkehrungen getroffen und wird ihre Handelsbeziehungen zum Commonwealth intensivieren. Nüchtern betrachtet, sehen wir eher ein Störungsmuster, denn eine Singularität. Wir erwarten deshalb keinen generellen Trendwechsel an den Kapitalmärkten, wohl aber stark schwankende Marktpreise. Schließlich zwingt der Brexit die EU zu einem Kurswechsel, der Europa mindestens temporär in einen instabilen Systemzustand führt.


  1. Der spanische Aktienmarkt gab mit -12% deutlicher nach. Dies ist aber der Sondersituation der bevorstehenden Parlamentswahl zuzuordnen. Auch der irische Aktienmarkt gab deutlicher nach. Dies ist der besonderen Verflechtung beider Wirtschaftsräume geschuldet. Die Abgaben in Italien folgen dagegen keiner unmittelbaren Kausalität,