Dr. H. Bischoff

Versuche, durch einen Informationsvorsprung auf Kosten anderer zu Vermögen zu gelangen, gab es schon immer.  Am 11. April 2017 versuchte ein 28 jähriger Mann, die Spieler des börsennotierten Dortmunder Fußballvereins umzubringen, um daraus mittels spekulativer Short-Engagements einen persönlichen Profit zu erzielen. Kriminelle Energie führt glücklicherweise direkt in eine vergitterte Zelle. Wie man es richtig macht, zeigte Nathan Rothschild vor 200 Jahren. Noch heute kontrolliert die Rothschildfamilie ein Firmenimperium.

Im Jahre 1815 versuchte Napoléon ein letztes Mal die Herrschaft über Frankreich und Europa zu erlangen (100-Tage Regentschaft). Nachdem die Kontinentalsperre nicht gefruchtet hatte, versuchte Napoléon nun, das britische Empire militärisch zu schlagen.
Man traf sich zur Schlacht bei Waterloo.

In London wähnte man sich Bestens über den Fortschritt der Schlacht informiert. Es stand viel auf dem Spiel. Im Falle einer Niederlage des britischen Heeres hätte Frankreich Zugriff auf die Staatsfinanzen gehabt und die Rückzahlung ausstehender britischer Staatsanleihen (GILT’s) wäre unsicher gewesen. Die britischen Devisenreserven waren zur Finanzierung des Kriegs gegen Napoléon bis auf einen Rest von 1 Mio. £ aufgezehrt. Demgegenüber standen Verbindlichkeiten des britischen Staats in Höhe von 15,5 Mio. £. Eine Fortsetzung der Verteidigung war schlicht nicht weiter finanzierbar. Napoléon stand vor einem späten Triumph gegen den Erzfeind.

Abb.1: Nathan Rothschild

Nun betrat ein gewisser »Nathan Rothschild« das Spielfeld. Der Bankier sandte dem britischen Feldherrn Wellington insgeheim Gold- und Silbermünzen, mit denen dieser Soldaten zahlen und ausrüsten konnte. Im Gegenzug bekam er (neben Zinszahlungen für seine Bemühungen) exklusive Informationen über den Fortschritt der militärischen Operationen. Heute würden wir dies als Insider-Informationen bezeichnen.

Als sich die verfeindeten Heere am 15. Juni 1815 am Schlachtfeld ihre Gemetzel lieferten, war Herr Rothschild ausgezeichnet im Bilde. Seine Kuriere signalisierten einen aus britischer Sicht positiven Verlauf der Schlacht. Herr Rothschild begab sich also zur London Stock Exchange um seine Orders zu platzieren. Dort warteten bereits seine Händler. Diesen signalisierte er: »GILTS verkaufen«.

Die übrigen Marktteilnehmer achteten genau auf die Zeichensprache Rothschilds – und taten genau das Gleiche. Es verbreitete sich das Gerücht: »Rothschild kennt den Ausgang der Schlacht bei Waterloo. Wellington hat die Schlacht verloren. Britische Staatsanleihen sind keinen Pfifferling mehr wert.« Nach wenigen Handelsstunden waren die Notierungen auf 5 % gefallen, was in der Anleihensprache »Default« bedeutet.

Als sich an der Börse langsam Panik breit machte, änderte Rothschild seine Strategie. Er deutete seinen Helfern an, vorsichtig und unauffällig  britische Staatsanleihen zurück zu kaufen. Als sich die Kurse zu stabilisieren begannen, erreichte die Meldung über den tatsächlichen Ausgang der Schlacht bei Waterloo auch die übrigen Marktteilnehmer. Hastig kauften auch sie ihre Anleihen zurück. Am Ende des Tages notierten die Anleihen bedeutend oberhalb des Anfangskurses.

Nathan Rothschild hat an diesem denkwürdigen Junitag im Jahre 1815 sein Imperium begründet. Im Jahre 1815 zeigte er allen, wer die Kontrolle über die Notierungen britischer Staatstitel hat. Er veräußerte die preiswert eingesammelten Anleihen zwei Jahre später mit einem Gewinn von 45 %, was einem Ertrag von 600 Mio. £ entsprach. Zehn Jahre später bewahrte er das Empire ein weiteres Mal vor dem Kollaps. Nachdem in einem »Bankrun« über Nacht 145 Banken ihre Schalter schließen mussten und die »Bank of England« wieder mal Pleite war, sprang Rothschild ein und sorgte für ausreichende Liquidität bei der britischen Notenbank. Im Jahre 1840 wurde die Familie Rothschild der offizielle Goldhändler der »Bank of England«. Bis 2004 bestimmte die Fam. Rothschild beim täglichen Fixing in London den weltweiten Goldpreis.


Danach investierte die Familie in erfolgsversprechende Unternehmen an Kristallisationspunkten der industriellen Revolution, beispielsweise in die Stahl- und Kohlewerke in Vitkovice und die Österreichisch-ungarische Hochofengesellschaft, die bis zum ersten Weltkrieg zu den TOP-10-Industrieunternehmen Europas aufsteigen sollten. Ab 1845 übernehmen die Rothschilds den Bahnverkehr in Frankreich (Chemin de Fer du Nord). Sie liehen dem französischen Staat 1871 fünf Millionen Franc (ca. 75 Mio. €), die man als Reparationszahlungen an Russland abführen musste. Neuen Jahre später übernahm die Familie die Kontrolle über Rio Tinto. Heute ist das Unternehmen das dritt-größte Minenunternehmen der Welt – und immer noch unter der Kontrolle der Rothschilds.

Die Familie Rothschild hat die Kapitalnot der Staaten Europas im 19. Jahrhundert für ihren ökonomischen Aufstieg benutzt. Der vom Frankfurter Patriarchen wegen Napoléons Kontinentalsperre nach London gesandte Nathan Rothschild erkannte die Chancen wie kein Zweiter. Von Ihm ist folgender Ausspruch überliefert:

I care not what puppet ist placed upon the throne of England to rule the Empire on which the sun never sets. The man that controls Britain’s money supply controls the Britisch Empire, and I control the British money supply. Whoever controls the volume of money in any country is the absolute master of all industry and commerce.

 Diese Abhandlung erschien erstmals in Marktbericht 9/2013.

Damals (Anfang März) waren die Regierungen Tsypras und Hollande gerade ins Amt gehievt worden und in Großbritannien wurden ernsthafte gesellschaftliche Probleme sichtbar, die rückblickend gute Indikationen für den weiteren Weg (Brexit) waren.  Weitere Ausführungen aus dem damaligen Marktbericht:

Abb. 2: Vermögensverteilung in UK (2013), Quelle: FT

Die Schichtung der englischen Gesellschaft gleicht in vielen Aspekten der eines entwickelten Schwellenstaats. Knapp die Hälfte der britischen Haushalte lebt »von der Hand in den Mund«. Es ist kein Vermögen vorhanden, allenfalls Rücklagen für Konsumartikel. Diese Gruppe kann sich keinerlei private Altersvorsorge leisten und ist im Rentenalter von der staatlichen Versorgung abhängig, mit durchschnittlichen Rentenansprüchen von 4.000 £ pro Jahr.
Weitere vierzig Prozent stellen die klassische Mittelschicht dar. Hier schnappt eine andere Altersarmutsfalle: Das britische Altersvorsorgeprinzip basiert auf einer starken individuellen Vorsorgeleistung, die in aller Regel durch eine Kombination von betrieblicher und privater Altersvorsoge gedeckt wird. Diese Schicht kann sich eine private Rentenversicherung leisten. In UK zahlt man in staatlich geförderten Pensionskassen ein, die im Gegenzug Rentenleistungen im Alter garantieren.

Nun stellte sich heraus, dass die Pensionskassen eine Netto-Basisrendite von 7 Prozent für die angelegten Vermögenswerte kalkulieren. Wie sich angesichts einer seit 2008 stagnierenden Ökonomie derartige Ergebnisse einstellen sollen, fragen sich inzwischen viele. Solange die BoE ihre QE-Maßnahmen fortsetzt, sind die Erträge prinzipiell möglich. Aber was passiert danach? Die UK Financial Services Authority hat die Folgen der nicht haltbaren Renditevorstellungen der Versicherungen eruiert. Danach müssen sich die Briten der Mittelschicht auf Rentenabschläge von bis zu 38 % einstellen.

Zuletzt offenbart die Aufstellung die Auswirkungen der starken Abhängigkeit von der »City« (of London). Die Finanzindustrie, die mehr als 20 % des britischen GDP’s ausmacht, konzentriert den Reichtum in den Händen weniger. Die reichsten 5 % der Briten besitzen einen Vermögensstock von durchschnittlich 1,3 Mio £, die reichsten 10 % kommen durchschnittlich immer noch auf ein Vermögen von mehr als 1 Mio. £.
Die reichsten Bürger Großbritanniens sind 850 Mal vermögender, als die Durchschnittsbürger der unteren Schicht. Es ist diese kleine Schicht vermögender Finanzoligarchen, die die eigentlichen Nutznießer der Stabilisierungsversuche der BoE sind. Es sind in der Mehrzahl diejenigen, die sich in der Tradition eines Nathan Rothschild bereits am Niedergang im Zuge der Finanzkrise bereichert haben und die nun nochmals an den QE-Aktionen der BoE verdienen.

Wie Nathan Rothschild bereits vor 200 Jahren erkannt hat, sind diejenigen unantastbar, die im Hintergrund die Fäden ziehen während vorn die Puppen tanzen. Die englischen Politiker riskieren lieber eine vollständige Isolation innerhalb der EU, als dieser vermögenden Klientel zu nahe zu treten.

Hieran hat sich auch im Jahr 2017 nichts grundlegend verändert. Die Ausführungen zeigen, wie verzweifelt die britische Gesellschaft auf einen Erfolg des Brexit hoffen muss.