Dr. H. Bischoff

Gibt es überhaupt ein hypothetisches Szenario, bei dem die derzeit fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt einen (ökonomischen) Vorteile aus einem Austritt aus der EU ziehen könnte? Wir versuchen – auch um unsere Objektivität zu wahren – dem Trommelfeuer warnender Stimmen ein Positiv-Szenario entgegen zu setzen.

Bildschirmfoto_2016-07-03_07-35-09Politisches Vakuum

Die Brexit-Befürworter zeigten im Vorfeld des britischen Referendums gern einen Ordner: „Plan A“. Inzwischen wissen wir, dass dieser tatsächlich nur leere Seiten und vergilbte »Daily Mirror«-Ausgaben enthält. Das britische Establishment zeigt sich nach einer einer Woche der Auseinandersetzung mit der Realität führungslos und handlungsunfähig. Der Notenbankchef kündigt vorsorglich an, während der Sommermonate „alles zu tun, um die gröbsten negativen ökonomischen Effekte zu dämpfen. Die Finanzmärkte sind augenscheinlich wieder zur Normalität zurück gekehrt: Dort ist der Schock vorüber.

Der Veränderungsprozess hat begonnen. Mir welchen Konsequenzen?

Großbritannien ist das Mutterland der ersten industriellen Revolution. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nutzte es die Absatzmärkte in den Kolonien zum Aufbau kapitalistischer Strukturen, die teilweise bis heute bestehen. Das Land hat sich jedoch wie kein anderes früh und konsequent aus der Fertigung realer Güter zurückgezogen1. Die unter Thatcher vollzogene Zähmung der Gewerkschaften und die weitgehende Deindustrialisierung führten das Land mit Maximalgeschwindigkeit in das Dienstleistungszeitalter. Heute ist England das Herz der europäischen Finanzindustrie und europäischer Spitzenreiter bei digitalen Geschäftsmodellen.

Nun haben nicht die gebildeten Schichten den Brexit eingeläutet, sondern die „Underdogs“, die Verlierer der Digitalisierung und Globalisierung. Sie haben auf den ersten Blick gegen ihre eigenen Interessen gestimmt. Wir wollen trotzdem annehmen, die Briten hätten rational gehandelt. Weiter trauen wir dem Land zu, wie in den 1970ern einen radikalen Strukturbruch zu vollziehen. Welche Auswirkungen hätte dies auf Europa, auf die Commonwealth-Staaten, auf die Finanzmärkte?

Kernkompetenz Finanzmärkte

Der FTSE100, der britische Leitindex mit den größten, am Börsenplatz London gelisteten Unternehmen, hat kaum auf den Brexit reagiert. Die Ursache liegt auf der Hand: Die im Index enthaltenen Titel haben gar nichts mit Großbritannien zu tun. Bestes Beispiel ist der schweizer Bergbaukonern Glencore. Das Management residiert am Genfer See, die Minen befinden sich an allen Enden der Welt, aber die Aktie wurde selbstverständlich in London gelistet und nicht im biederen Zürich. Weil die industrielle Produktion kaum mehr existent ist, hängt in GB vieles vom Finanzsektor ab.

Auch wenn sich Paris, Luxemburg, Frankfurt, Kopenhagen und Dublin schon warm laufen, es ist höchst unwahrscheinlich, dass sich Großbritannien von Brüssel seine Kernkompetenz entreißen lässt. Möglicherweise werden einige Büros medienwirksam geräumt und die Arbeitsplätze in die EU verlagert. Das Gros der Finanzdienstleistungen wird England weiterführen. Standortvorteil: Unreguliert.

Viele Überseegebiete Großbritanniens sind bereits jetzt Steueroasen: Cayman-Ilands, Jungferninseln, Bermudas, Malta, Gibraltar, Jersey usw. Die Bestrebungen der EU, diese Steueroasen auszutrocknen, waren zuletzt sogar erfolgreich. Mit dem Wegfall der Rücksichtnahme auf die europäischen Partner könnte die Offshore-Finanzindustrie zu alter Stärke zurückfinden. Tage des Übergangs, Tage des politischen Vakuums waren schon immer Perioden, in denen rasend schnell Strukturen wachsen, die später nur sehr schwer wieder vom Mainstream eingehegt werden können.

Konsequenz für Europa

Konkurrenz belebt das Geschäft und Wettbewerb unter Staaten kappt gesellschaftliche Fehlentwicklungen. Die „City of London“ dürfte die Sommermonate für den Aufbau von Strukturen für die Finanzindustrie in der Post-EU-Aera nutzen. Formal ist Großbritannien zwar noch an EU-Gesetze gebunden. Faktisch dürfte dies mangels funktionierendem Ordnungsrahmen keine mehr Rolle spielen. Die Finanzindustrie kann so ihre dominierende Rolle in der britische Volkswirtschaft sogar noch ausbauen.

Das liegt auch am Investitionsverhalten. Der Ex-Premierminister Cameron hatte zusammen mit der EU diverse „Landmark“-Projekte zur Schaffung von Arbeitsplätzen ausgehandelt. Diese Investitionen fließen nicht, gleiches gilt auf absehbare Zeit für die Industrie. Es ist schwer vorstellbar, dass sich hieran bis zum Abschluß tragfähiger Handelsvereinbarungen etwas ändert. Die Finanzindustrie, die Kapital gewinnbringend global allokiert, hat diese Probleme nicht.

Konsequenz für Commonwealth-Staaten und Kronkolonien

Als Großbritannien der EU beitrat, waren die Schafzüchter Neuseelands die Hauptbetroffenen. Sie verloren ihren Hauptabsatzmarkt. Nun werden die Karten wieder neu gemischt, es wird wieder Gewinner und Verlierer geben. Trotz EU-Mitgliedschaft haben sich in den Grenzen des ehemaligen Empires einzigartige Finanzbeziehungen erhalten. Diese dürften die eigentlichen Gewinner dieses Prozesses sein. In diesem Zusammenhang verweisen wir auf die Jardines, die seit dem 19. Jahrhundert ununterbrochen Handelserträge in Asien generieren und aus Schottland geführt werden.

Austrittsverhandlungen aus der Position der Stärke

Wenn irgendwann im Winter der Austrittsprozess beginnt, verhandeln die Partner nicht über den derzeitigen Status-Quo, sondern über die dann vorherrschende Realität in England. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist das Land bis dahin bereits in eine Rezession eingetaucht2. Dann könnte Großbritannien sich in einer attraktiven Verhandlungsrolle befinden und viele Zugeständnisse aushandeln.

Der Brexit könnte so die Spezialisierung des Landes forcieren. Die „City of London“ wäre der große Gewinner des Prozesses. Die britische Volkswirtschaft hätte binnen 200 Jahren die Metamorphose vom Frühkapitalismus hin zu einem globalen Finanzdienstleister vollzogen. Das ehemalige British Empire hätte sich vom Handel von Kolonialwaren zu einem globalen Finanzdienstleister verwandelt.

Fazit

Vordergründig haben sich die Briten mit ihren Austrittsreferendum selbst „ins Knie geschossen“. Die Hängepartie bis zum formalen Austritt ist Gift für die Produktion realer Güter. Sie bietet der britischen Finanzindustrie die wohl einmalige Gelegenheit, Produkte zu lancieren, für die man sonst niemals eine Genehmigung bekommen hätte. Das Beste: Der quasi-anarchische Zustand der Insel gibt den Akteuren Gelegenheiten, bereits POST-EU-Strukturen aufzubauen und sich ganz legal innerhalb der EU nach Interessenten hierfür umzusehen. Letztlich ist der Finanz-Kapitalismus der große Profiteur der Entwicklung.


  1. In Großbritannien arbeiten trotzdem viele Menschen in der Produktion, z. B. 800.000 in der Automobilindustrie. Doch sind hauptsächlich einfache Fertigungstätigkeiten erhalten geblieben. Die Unternehmen befinden sich in ausländischem Besitz und werden aus den jeweiligen Konzernzentralen gemanagt. Das Land ist in dieser Hinsicht zu einem Billiglohnland „verkommen“. 
  2. Eine Rezession ist eigentlich unvermeidbar. Großbritannien weist eines hohes Aussenhandelsdefizit auf, ist also auf Kapitalzuflüsse angewiesen. Nachdem das Pfund schlagartig abgewertet hat, habe alle Investments auf der britischen Insel plötzlich an Wert verloren, sind ihrer Rentabilität auf absehbare Zukunft beraubt. In Pfund nominierte Vermögen und Einkommen sind entsprechend im Wert gesunken. Die Konsequenz: Notwendige Importe verteuern sich, Investitionen bleiben aus, Löhne können nicht erhöht werden. Die Binnenkonjuktur wird folglich aus mehreren Ecken „angeknabbert“.