Dr. H. Bischoff

Die Genese der ersten deutschen Währung erfolgte im hoch volatilen Umfeld des ausklingenden Eisenbahn-Kontratjew. Die ausklingende Gründerzeit hat viele Gemeinsamkeiten mit der Gegenwart. Es beginnt mit einer deflationären Periode nach dem Wiener Börsenkrach und findet in ausgeprägten Zukunftsinvestitionen seine Fortsetzung. Eine dynamische Geldpolitik geht damals wie heute mit ausgesprochen volatilen Kapitalmärkten Hand in Hand.

Prolog

Die Geldpolitik der Notenbanken spielt für die Entwicklung der Finanzmärkte scheinbar eine immer wichtigere Rolle. Wie „tickt“ eine Notenbank? Wie funktioniert Geldpolitik überhaupt?

Wer die Aktionen der „Magier der Finanzmärkte“ verstehen will, muss sich ein wenig mit deren Geschichte und den „gewachsenen Strukturen“ auseinandersetzen. Wir starten unser Basisseminar in Geldpolitik mit einem Blick zurück in die Gründer- und Zwischenkriegszeit.

Die Genese von Mark und Reichsbank

Vor der Gründung des deutschen Reiches im Jahre 1871 war das deutsche Währungssystem stark zersplittert. Es existierten allein sieben Münzsysteme auf dem Gebiet des späteren Deutschen Reiches; 33 Banken waren mit dem Notenemissionsprivileg ausgestattet.

  • 1871 wurde das Gesetz zur Ausprägung von Goldmünzen veröffentlicht,
  • 1873 verabschiedete der Reichstag das Münzgesetz,
  • 1875 wandelte das Bankgesetz die Preußische Bank in die Reichsbank um.

Innerhalb weniger Jahre wurde die Geldpolitik zentralisiert. Deutschland hatte eine einheitliche Währung (1 Mark = 1/ 2790 kg Feingold) und eine Reichsbank. 1909 wurde schließlich die Mark gesetzliches Zahlungsmittel. Diese Periode wird gemeinhin als Gründerzeit bezeichnet. Sie war gekennzeichnet durch

  • kontinuierliche Liquiditätszufuhr aus französischen Reparationszahlungen
  • einer Zentralisierung und Institutionalisierung des Geldsystems nach britischem Vorbild
  • ausgeprägten Zukunftsinvestitionen
  • hoher Volatilität (Wiener Börsenkrach, Knickerbocker-Bankenkrise)

Die Reichsbank unterlag einer, an die Bedingungen der Goldeinlösung gebundenen Geldpolitik. Sie musste umlaufende Banknoten mindestens zu einem Drittel in Gold- und Scheidemünzen, Reichskassenscheinen, Barren oder ausländischen Goldmünzen decken, den Rest in Wechseln mit höchstens dreimonatiger Laufzeit. Für die darüber hinaus gehende Geldschöpfung (Kreditvergabe) musste eine Notensteuer in Höhe von 5 % an den Staat abgeführt werden.

In ihren Handlungen war die Reichsbank eine politisch abhängige Währungsbehörde. Ihre Leitung oblag dem Reichskanzler. Die Mitglieder des Direktoriums wurden vom Kaiser auf Vorschlag des Bundesrates auf Lebenszeit ernannt.

Der erste Weltkrieg

Zwei Tage vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges stellte die Reichsbank die Einlösung ihrer Banknoten in Gold ein. Mit der sogenannten Notengesetzgebung vom 4. August 1914 wurde die Aufhebung der Goldeinlösungspflicht legalisiert.

Die Reichsbank übernahm die Kriegsfinanzierung, indem sie dem Reich über Diskontierung und Schatzanweisungen direkt Kredite gewährte. Da das Güterangebot als Folge des Krieges immer stärker zurückging, schuf man so ein gewaltiges Inflationspotential. Das Direktorium der Reichsbank hielt die Kreditgewährung an den Staat für unvermeidbar. Deshalb behielt sie diese Praxis bei, nachdem sie mit dem Gesetz der Autonomie der Reichsbank von Weisungen des Reichskanzlers unabhängig wurde.

Hyperinflation

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Der Diskontsatz wurde bis September 1923 von 5 % auf 90 % erhöht. Gemessen an der gewaltigen Geldentwertung ergab sich ein extremer negativer Realzins für Reichsbankkredite und dementsprechend ein Anreiz zur Kreditaufnahme der Wirtschaft.

Entscheidend für die Inflation war jedoch die zunehmende Finanzierung der Staatsausgaben durch die Notenpresse.

Steuereinnahmen spielten Anfang der 1920er Jahre überhaupt keine Rolle mehr: Im Oktober 1923 waren nur 1 % der staatlichen Ausgaben durch Steuern gedeckt! Die Inflation beschleunigte sich immer mehr und die Mark verlor weitgehend ihre Geldfunktion. Für in Mark ausgedrucktes Bargeld entstanden Substitute in Form von wertbeständigen Zahlungsmitteln, die auf Dollar oder Goldmark lauteten und nach Maßgabe des jeweiligen Dollarkurses in Mark umgerechnet wurden.

Die Rentenmark

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Mit der Einführung der Rentenmark gelang schließlich die Stabilisierung der deutschen Währung. Die Deckung der Rentenmark wurde durch eine Belastung des gesamten land- und forstwirtschaftlichen Bodens und des Vermögens von Industrie, Gewerbe und Handel zugunsten der Deutschen Rentenbank gewährleistet. Ab Mitte November 1923 wurden Rentenbankscheine ausgegeben und ab Ende November von der Reichsbank gegen Reichsbankscheine in einem am Dollarkurs orientierten Wertverhältnis von

1 Rentenmark = 1 Goldmark = 1 Billion Mark

eingetauscht.

Zeitgleich mit der ersten Ausgabe der Rentenmark stellte die Reichsbank die Diskontierung von Schatzanweisungen des Reiches ein. Zum ersten Mal in der deutschen Währungsgeschichte entschloss sich die Reichsbank zu einem vollständigen Kreditstop. Das Kreditvolumen der Reichsbank sollte auf den Stand vom 7. April 1924 begrenzt werden, die Kreditrationierung sollte in gewisser Weise die Diskontpolitik ersetzen. Erwartungsgemäß führte der Kreditstop nicht nur zu einem Rückgang des Großhandelsindex, sondern auch zu einer Entlastung der Nachfrage am Devisenmarkt und zu einer Verstärkung des Devisenangebots aus inländischem Besitz.

Finanzierung des Wiederaufbaus in der Zwischenkriegszeit

Nach dem ersten Weltkrieg bestand die Hälfte des Generalrats der Reichsbank aus Vertretern der Siegermächte. Diese setzten eine sog. Goldkernwährung durch, bei der Banknoten stets zu einem fixen Kurs gegen Goldbarren eingetauscht werden konnten.

Zur Finanzierung der „Arbeitsbeschaffung“ durch den neuen Staat diskontierte die Reichsbank sogenannte Arbeitsbeschaffungswechsel, die auf Jahre prolongierbar waren und über Zwischengesellschaften reichsbankfähig gemacht wurden. Dieses Finanzierungssystem wurde später von der NSDAP zur Finanzierung der Kriegsvorbereitungen eingesetzt. Die Reichsbank konnte die hiermit eingeleitete inflationäre Geldschöpfung nicht verhindern. Je stärker der Widerstand gegen die der Rüstungsfinanzierung dienenden Notenbankbeanspruchung wurde, desto mehr wurde ihre Unabhängigkeit ausgehöhlt.

Auf dem Weg zur Bundesbank: Die Verstaatlichung der Reichsbank

Im Jahre 1937 wurde das Reichsbankdirektorium dem „Führer und Reichskanzler“ unmittelbar unterstellt. Anfang 1939 wurde das Reichsbankdirektorium abgelöst, nachdem es unter der Leitung von Hjalmar Schacht in einer an Hitler gerichteten vertraulichen Denkschrift auf die inflatorischen Gefahren der ungehemmten Ausgabenwirtschaft des Staates hingewiesen hatte.

Das Reichsbankgesetz von 1939 brachte dann endgültig die rechtliche und wirtschaftliche Verstaatlichung der Notenbank. Bestimmungen über die Noteneinlösung entfielen. Anstelle der 40 prozentigen Gold- und Devisendeckung konnte die Notendeckung jetzt in Wechseln, Schecks, Reichsschatzwechseln, Reichsschatzanweisungen und ähnlichen Forderungsrechten bestehen.

Im dritten Reich wurde die Inflation erstmals durch eine Form der finanziellen Repression unterdrückt: Es wurden scharfe Preiskontrollen durchgesetzt, damit die Lebenshaltungskosten stabil blieben.

Die Bundesbank als Nachfolgerin der Reichsbank erbte deren Geschichte. Der Monetarismus der Nachkriegszeit ist die gelebte Konsequenz der geldpolitischen Zäsuren seit 1871.