Dr. H. Bischoff

Was eint die Wirtschaftspolitik von Abe, Modi, Erdogan, Orban, Xi und Trump? Überall triumphieren Kapitalanleger. Die steigende Zahl an Populisten an den Schalthebeln der Macht lässt weltweit die Preise für Vermögenswerte ansteigen. Dahinter steckt System, wie ein Blick zurück in die 1930er Jahre zeigt.


Im Jahr 2017 sind die Preise für Vermögenswerte im Durchschnitt um 8,7% gestiegen1, die Preise für Konsumgüter, Löhne und Gehälter aber nur um 1,5%. »Rentiers« (also Menschen, deren Einkommen aus Zinsen und Dividenden besteht) konnten sich über üppige Zuwächse freuen, während das »Proletariat» (Menschen, die ihre Arbeitskraft verkaufen) keinerlei Vorteile aus der Entwicklung ziehen konnte. Diese Entwicklung ist weder auf das Jahr 2017 beschränkt noch auf Deutschland oder Europa. Seitdem die Notenbanken der Industriestaaten in großem Umfang Anleihen aufkaufen und hierdurch die Marktzinsen absenken, hält diese Entwicklung an.

Abbildung 1: Frankreich : Von der Rentiergesellschaft zur modernen Industriegesellschaft: Abnahme der Einkommensungleichkeit im 2. Weltkrieg (Quelle: Piketty)

Thomas Piketty hat 2013 in seinem epochalen Werk »Das Kapital im 21. Jahrhundert« die Struktur der Gesellschaften der Industrieländer seit dem Beginn der industriellen Revolution ausführlich beschrieben. Die beiden Weltkriege veränderten die Einkommensstrukturen in Europa nachhaltig. Es wurde nicht nur die Infrastruktur zerstört – weit wichtiger: den Eliten wurde die Grundlage für Kapitalerträge entzogen. Nach dem Krieg förderten die Staaten den Wiederaufbau und begründeten so die Entwicklung einer »Managementelite«, deren Einkommen sich nur unterproportional aus Kapitalerträgen zusammensetzt. Die Daten zeigen, dass vielerorts an einer Restauration der Vor- und Zwischenkriegsverhältnisse gearbeitet wird.

Uns interessiert in diesem Zusammenhang der erste Abschnitt der Abb. 1: Die Zeit zwischen 1930 und 1940.

Zeitenwende 1933

Abbildung 2: Dokumentierter Preisverlauf des Dow Jones während der Ägide Roosevelt

Am 4. März 1933 wurde Franklin Delano Roosevelt als US-Präsident vereidigt2. Diese Prozedur ist durchaus mit der Inauguration Donald Trumps vergleichbar. Hoover und Obama, die präsidentalen Vorgänger, hatten je eine epochale Wirtschaftskrise vorgefunden und hierauf in angemessener Weise reagiert. Der folgende Regierungswechsel brachte eine Rückbesinnung auf nationale Werte und Isolationismus. Die erste Amtshandlung Roosevelts war es, das bereits unterschriftsreife Schuldenmemorandum mit den Ententemächten des Ersten Weltkriegs auszusetzen. Trump beendete öffentlichkeitswirksam die Teilnahme der USA am TPP-Handelsabkommen.  Roosevelt setzte alles daran, die überschuldete Landbevölkerung mittels einer Inflation binnen Kurzem zu entschulden und die von dem Zusammenbruch 1929 ausgezehrten Unternehmen durch Handelsbarrieren und eine aggressive Abwertung des US-Dollar auf die Beine zu helfen. Hierfür scheute er auch vor drastischen Maßnahmen nicht zurück.

Isolationismus sorgt für kurzfristige Opportunitäten an den Kapitalmärkten

Europa verweigerte den USA nach 1933 den Schuldendienst3. Unmittelbar nachdem der Kapitaltransfer in die USA aufhörte, konnten die Eliten in England, Frankreich und Italien wieder zum Vorkriegslebensstil zurückkehren: Ihnen standen wieder ausreichend Kapitalerträge zur Verfügung. (Abb. 1).  In diese Periode fällt das Erstarken des Faschismus in Italien und Deutschland.

Insbesondere die USA setzte alles daran, das Preisniveau auf das der 1920er Jahre anzuheben. Hierfür war der Roosevelt-Administration fast jedes Mittel recht. Zur Rhetorik gehörte auch das Mantra, die steigenden Preise für Vermögenswerte als »gesunde Entwicklung« zu charakterisieren. Rückblickend wurden diesseits und jenseits des Atlantiks mit erstaunlich modernen Methoden Spekulationsblasen inszeniert.

Michael Hudson fasst diese Periode in dem Klassiker »Finanzimperialismus« treffend wir folgt zusammen: Die Finanzministerien und Zentralbanken verschiedener Länder konnten Vereinbarungen schließen, die sehr viel nachhaltiger wirkten als jene, die auf diplomatischem Weg erreicht wurden. Das Geld war der Lebenssaft der Staaten, Ein dominierender Kreditgeber konnte das Leben anderer Staaten steuern. Ein mächtiges Land konnte als Wucherer das Verhalten vergleichbar mächtiger  Nationen bestimmen, die Schulden bei ihm hatten.

Die Trump’sche Steuerpolitik

Setzen wir die aktuelle US-Wirtschaftspolitik in diesen Kontext, dann folgen sowohl die Maßnahmen im Rahmen der Agenda »America First« als auch die Steuerreform dem Schema Roosevelts.  Die Trump-Administration bedient sich aktueller Methoden, um der heimischen Bevölkerung und den national + global agierenden Unternehmen massive Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. Heute wie damals ist die Wirtschaftspolitik ausschließlich kurzfristigen Machtinteressen unterworfen. Strategische Komponenten sucht man vergebens.

Abbildung 3′: Die Vermögensstruktur in den USA heute gleicht der in den 1930er Jahren. (Quelle: Piketty)

Die Abb. 3 zeigt, dass die Vermögensstruktur sich in den USA bereits vor der Finanzkrise der frühkapitalistischen Phase zu Beginn des 20. Jahrhunderts angenähert haben. Nachdem die expansive Geldpolitik der FED an ihre Grenzen gestoßen ist, hat Trump nun den Geldhahn des Staats weit aufgedreht, um den Prozess der Kapitalallokation in der vermögenden Schicht zu unterstützen.

Wiederholt sich Geschichte?

In den 1930er Jahren suchten die Industriestaaten (erfolglos) den Schulterschluß zur Umgehung der protektionistischen Wirtschaftspolitik der USA. Kurzfristig funktionierte dies sehr gut, wie ein Blick auf die Kurstafeln der Aktienbörsen zeigt. Je länger die populistische Wirtschaftspolitik wirkte, desto ausgeprägter zeigten sich destabilisierende gesellschaftliche Risse in Europa.
Im beginnenden 21. Jahrhundert hat sich der Fokus auf China verlagert. Falls sich Geschichte wiederholt, dann sind die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den USA, Japan, China und Indien der kritische Faktor für einen Erfolg oder das Scheitern des populistischen Experiments. In den 1930er Jahren scheiterten die Populisten (Roosevelt, Hitler, Mussolini, Stalin) bekanntermaßen kolossal.


  1. Thomas Mayer (Flossbach & Storch) in einem Interview des DLF am 29.12.2017 
  2. Wenige Tage vor der Inauguration Roosevelt über nahm ein gewisser Adolf Hitler die Macht in Berlin. Obwohl das historische Auge auf beide Persönlichkeiten unterschiedlicher nicht sein könnte, waren beide machtbesessene Populisten ersten Grades. 
  3. Unter Hoover war die USA bereit, die Kriegsschulden der Ententemächte zu restrukturieren. Roosevelt beharrte auf eine vertragsgemäße Tilgung und setzte statt auf Kooperation auf »America First«. Europa wandte sich nun seinerseits vom transatlantischen Handel ab.