Dr. H. Bischoff

Die japanische Notenbank finanziert große Teile des Haushalts der japanischen Regierung. Die englische Notenbank stützt mittels expansiver Geldpolitik die Konjunktur in Großbritannien nach der Brexit-Entscheidung. Das Ziel: Internationale Wettbewerbsfähigkeit und nationaler Wohlstand. Nun betritt Donald Trump mit ähnlichen Zielen die Bühne.

Wir wissen noch nicht, welche Maßnahmen die USA ergreifen wird. Die Geschichte zeigt jedoch, welche Gefahren national begründete geldpolitische Maßnahmen innewohnt. Wir schauen zurück auf das Jahr 1934, als die USA mit dem „Silver Price Act“ den Lauf der Geschichte dramatisch änderte.

1916: Zur Finanzierung des ersten Weltkriegs legt auch das US-Schatzamt (US-Treasury) Kriegsanleihen auf.

1929: 11 Jahre nach dem Ende des ersten Weltkriegs kollabieren die Aktienmärkte in den USA. Für viele US-Amerikaner beginnen die Bitter Years.

1933: Ein gewisser Franklin Delano Roosevelt betritt die Bühne und verkündete seinen „New Deal“. Dieser soll die USA aus der Depression führen. Die Konsequenzen für die Welt sind Roosevelt ziemlich egal.

1934: Roosevelt setzt den „Silver Price Act“ in Kraft. Bis 1962 haben die USA effektiv wieder eine Bimetallwährung.

1935: Silberpreis verdreifacht sich; Deflation in Ländern mit Silberstandard; The Great Chinise Inflation (bis 1949)

Ungedeckte Anleihen trotz Goldstandard

Bis zur Aufgabe des Goldstandards 1971 konnte ein Besitzer einer US-Staatsanleihe zur Fälligkeit deren Gegenwert in Gold abfordern. Als Konsequenz der verschiedenen Krisen im beginnenden 20. Jahrhundert waren 1933 Anleihen im Wert von 22 Milliarden Dollar im Umlauf. Die US-Treasury verfügte aber nur über einen Goldbestand von 4,4 Mrd. $.

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Free-Silver Kampagne in den USA (Quelle: Wikipedia)

Populisten beherrschten in den 1930er Jahren in den USA die öffentliche Meinungsbildung und setzten ihre Vorstellungen in der Geldpolitik durch. Die „Rezepte“ waren simpel: Wenn nicht genug Gold zur Bedienung des Schuldendienstes vorhanden ist, erweitert man einfach die Edelmetallbasis und kehrt zum Bimetallstandard zurück. Diesen hatte man unter massivem Protest der Silber-Lobby erst 1873 abgeschafft1. 1934 verfügte der Präsident, dass die US-Treasury Silber über den Marktpreis einkaufen darf. Gleichzeitig wurde Silber wieder offizielles Zahlungsmittel. Es wurden wieder Silberdollar ausgegeben.

Im Ergebnis verdreifachte sich innerhalb von 24 Monaten der Silberpreis. Alle Währungen mit Silberstandard werteten im gleichen Maße auf. Das betraf im wesentlichen den Mexikanischen Dollar, die Silber-Referenzwährung in der Epoche des Merkantilismus.

Auswirkungen auf China

Im 19. Jahrhundert teilten die Großmächte China unter sich auf. Dem schwachen Kaiser wurden in kolonialer Manier massive Zugeständnisse abgefordert. Amerika trat im ausgehenden 19. Jahrhundert in Asien zunehmend selbst als Kolonialmacht auf. Der „Silver Price Act“ schwächte jedoch die Position der USA in Asien.

In China war gerade eine schwache nationalistische Regierung der neu ausgerufenen Republik China angetreten, die Trümmer der kolonialen Eroberungsversuche Japans, Frankreichs, Englands und Deutschlands zusammenzukehren. Man hatte den Silberstandard aus der Qing-Dynastie übernommen. In den wirtschaftlichen Zentren gaben jedoch ausländische Banken, wie HSBC (England), Yokohama Specie Bank (Japan) und Banque de l’Indochin (Frankreich), lokale Währungen mit unterschiedlichem Verrechungswert aus, die gegen den Mexikanischen Dollar gesichert waren.

Die Preiserhöhungen für Silber verteuerten alle in China hergestellten Güter um das Dreifache. Importe wurden spott-billig. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sank binnen drei Jahren um 26 %. Es setzte eine Deflation ein, in der die Schuldenlast sowohl für den Staat als auch für die Bürger untragbar wurde. Man versuchte das Land mittels Kapitalverkehrskontrollen vom globalen Markt abzuschotten – vergeblich. Über Schmuggelrouten wurde weiterhin im großen Umfang Silber aus dem Land geschafft, was den deflationären Druck erhöhte.

Schließlich wurden die Banken gezwungen, ein Viertel ihrer Einlagen in Form von Schuldverschreibungen der Republik China (anstatt in Silber) vorzuhalten. Die Banken wurden so teilverstaatlicht. Diese Einnahmen nutzte man kreativ. Man kaufte selektiv die Anleihen einer ausländischen Bank auf und forderte schließlich deren Einlösung in Form von Silber. Da die Banken ihr Silber teilweise abgegeben hatten, konnten sie den Einlöseforderungen nicht gerecht werden – und waren damit Bankrott.

Bereits 1935 hatte die nationalistische chinesische Regierung das Bankensystem nationalisiert. Nun wollte man sich aus den Klauen der ausländischen Finanzmärkte befreiten.

Die Bank of China

Nach englischem Vorbild richtete man eine unabhängige Notenbank ein und gab Banknoten aus. Diese waren zunächst an den Wert des englischen Pfunds gekoppelt. Die Notenbank war von Beginn an ein Instrument zur Machterhaltung und -entfaltung. Sie hatte zuerst die Aufgabe, die Parteikader zu finanzieren. Später finanzierte sie mittels der Druckerpresse den Krieg gegen Japan und die Kommunisten. Die Bank of China finanzierte 65 – 80 % der Kriegsausgaben im chinesisch-japanischen Krieg (1937-1945) und 50 – 65 % der Aufwendungen für den Bürgerkrieg gegen die Kommunisten unter Mao (1945 – 1949) über die Notenpresse. Diese Epoche geht als  The Great Chinese Inflation in die Geschichte ein.

Fazit

In den 1930er Jahren hatten die USA erstmals die Stärke, mittels geldpolitischer Entscheidungen globale Prozesse auszulösen. Der Blick in die Geschichte zeigt, welche Konsequenzen selbst damals national und populistisch begründete Entscheidungen hatten. Nach fast einem Jahrzehnt mit einer expansiven Geldpolitik schickt sich die USA möglicherweise an, ein neues geldpolitisches Experiment mit populistischen Wurzeln zu beginnen.


  1. Der Widerstand gegen die Streichung von Silber als Zahlungsmittel wurde damals ähnlich verbissen geführt, wie aktuell die Debatte um die Krankenversicherung für alle (Obama-Care) und ging unter der Metapher Crime of 73 in die Geschichte ein. Der „Erfolg“ der Lobbyarbeit aus fünf Jahrzehnten ist ein schönes Beispiel, wie Partikularinteressen die Welt langfristig prägen. Zwischen 1891 und 1908 organisierten sich US-Farmer in der Populist Party (Agrar-Populismus) und kämpften vehement für „free silver“.