Dr. H. Bischoff

Smart-Beta-ETF’s ermöglichen Kleinanlegern diversifizierte Investments in Trends. Sie sind ein durchschlagender Erfolg für die Fonds-Industrie. Können Anleger auf die anvisierten Erträge hoffen?

Im Blogbeitrag Japan: Experimentierfield der Notenbank beleuchten wir die Auswirkungen der Nullzinspolitik der BOJ auf die Kapitalmärkte. Wesentliche Erkenntnis: Die Annahme, dass die Aktienpreise die Verfassung der japanischen Unternehmen darstellen, ist in Japan genauso außer Kraft gesetzt, wie die Annahme, Anleihenrenditen seien ein Gradmesser für eingegangene Risiken. Weil sich mit diversifizierten Investments seit Jahrzehnten keine Erträge mehr erzielen lassen ist  Japan zu  einem Eldorado für “leveraged-” und “Smart-Beta-ETF’s” geworden. Auch in den USA und Europa werden derartige Retailprodukte immer beliebter.

Zertifikat-Industrie als Vorreiter

Vor der Finanzkrise gab es in Deutschland einen Zertifikate1-Boom. Die Produkt-Einführungsbarrieren waren sehr gering und jede halbwegs sinnvolle Investment-Idee wurde lanciert. Der Spuk endete abrupt, als die Notierungen 2008 unkorreliert nachgaben und die smarten Produkte unisono große Verluste generierten. Danach waren die Anleger hierzulande kuriert: Passive Anlagekonzepte hatten eine Weile Hochkonjunktur.

Die heimischen Zertifikate mögen für Anleger unvorteilhaft gewesen sein, für Emittenten und den Produktvertrieb waren sie sehr lukrativ. Endlich konnte man Privatanlegern “sexy” Produkte verkaufen. Die Entwicklung der Smart-Beta-ETF’s  folgt einem identischen Schema. Die Produkteinführungsbarrieren sind zwar größer als bei Zertifikaten, prinzipiell unterscheiden sich die Produkte aber überhaupt nicht. Der Produktvertrieb läuft in den USA auf Hochtouren. Zum Jahreswechsel waren laut Morningstar über 600 Mrd. $ in Smart-Beta-ETF’s investiert.

Die größten Smart-Beta-ETF’s (Quelle: Morningstar):

Anbieter Produkt Volumen
iShares Russell 1000 Growth 31,8 Mrd. $
iShares Russell 1000 Value  27,4 Mrd. $
Vanguard Growth  20,7 Mrd. $
Vanguard Dividend Appreciation  19,2 Mrd. $
Vanguard Value  18,6 Mrd. $
Wisdom Tree Europe Hedged Equity 16,9 Mrd. $
Wisdom Tree Japan Hedged Equity 14,9 Mrd. $
iShares S&P 500 Growth 14,3 Mrd. $
iShares Select Dividend 13,4 Mrd. $
SPDR S&P Dividend 12,8 Mrd. $
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SPDR S&P 500 / Spider 182 Mrd. $

Das ETF-Urgestein und der Platzhirsch unter den ETF’s, der SPDR-Spider, der die Preisentwicklung des S&P 500 abbildet, ist derzeit ungefähr so groß, wie die zehn größten Smart-Beta-Produkte zusammen. Das Volumenwachstum konventioneller ETF’s Screenshot - 24.02.2016 - 07:06:33 schwächt sich deutlich ab, gleichzeitig nimmt der Anteil von Smart-Beta Produkten am gesamten ETF-Markt stark zu.

Der starke Mittelzufluß in den letzten Jahren korrespondiert hervorragend mit der Boomphase des Zertifikatemarkts in Deutschland, der auch in Phasen guter allgemeiner Marktrenditen besonders stark wuchs. 2015 war das erste Jahr mit sinkenden Notierungen am US-Aktienmarkt. Einige Smart-Beta-Produkte konnten in diesem Umfeld überzeugen, andere naturgemäß nicht. Gut performende Produkte ziehen Anlegergelder an. Damit verstärken die Smart-Beta-ETF’s bestehende Trends; die Gefahr von Übertreibungen wächst.

Mit den Erfahrungen der heimischen Zertifikateindustrie treibt uns die Frage um, ob Smart-Beta-Produkte prinzipiell ihr Versprechen einlösen können, eine langfristige Überrendite zu ermöglichen. Konkret: Ist Smart-Beta eine unabhängige Rendite-Quelle oder sind inzwischen Anleger weltweit Opfer subtiler Vertriebskanäle der Finanzindustrie?

Wir zimmern uns die Realität, die uns gefällt

Vergleichen wir die Perspektiven eines beliebiges Smart-Beta-Produkts mit denen einer beliebigen Aktie. Um die Perspektive eines Aktieninvestments abschätzen zu können, benötigt man eine Mixtur aus intimen Unternehmenskenntnissen, eine Einschätzung der Geschäftszahlen und ein gehöriges Quäntchen Glück. Oder man schaut sich die Preisentwicklung an und fertigt eine Chartanalyse an. Die erstere Vorgehensweise erfordert Sachkenntnis und ist kaum automatisierbar. Charttechnik hingegen schon.

Smart-Beta-Produkte sind ausdrücklich kostenoptimierte Investmentvihikel für uninformierte Anleger. Man versucht also mangelnde Fachkenntniss mit Statistik zu kompensieren. Das ist maximal genauso erfolgreich, wie ein mechanisches Handelssystem oder eine auf Charttechnik basierte Geldanlage. In einem kürzlich veröffentlichten Artikel kommen die Kollegen von Research Affiliates empirisch genau zu diesem Ergebnis. Sie stellen lakonisch fest, dass Smart-Beta-Produkte stark Bewertungsabhängig sind, also eben “Beta-Produkte” sind. Smart ist schlicht ein Produkt der Marketing-Abteilungen der Emittenten.

 


  1. Zertifikate sind von Banken speziell für Kleinanleger aufgelegte Schuldverschreibungen. Im Prospekt wird definiert, welche Wertabwicklung das Zertifikat abbildet. Wie der Emittent die zugesagte Performance erzielt, ist zweitrangig. Dies brach der Branche 2008 den Hals, weil nicht klar war, ob und welche toxischen Derivate zur Darstellung der zugesagten Wertentwicklung tatsächlich hinterlegt waren. Details kennt Wikipedia