Dr. H. Bischoff

Weitgehend unbemerkt schlittert eine Branche mit mehreren hunderttausend Beschäftigen in eine Existenzkrise. In der zweiten Januarwoche kollabierte die Carillion (ca. 43.000 Mitarbeiter weltweit). Zwei Wochen später versuchen öffentliche und private Auftraggeber »Business as usual« zu verbreiten. Dann veröffentlicht Capita (75.000 Mitarbeiter) eine saftige Gewinnwarnung. Britische börsennotierte Outsourcing-Unternehmen werden derzeit zu Ausverkaufspreisen gehandelt. Dies ist außerhalb Englands überhaupt kein Thema. Das wundert uns.


Carillion

Abbildung 1: Beetham Tower, Manchester. Bauausführung: Carillion


Im zweiten Wochenbericht dieses Jahres gingen wir ausführlich auf den drohenden Zusammenbruch des ehemals zweitgrößten britischen Bauunternehmens ein. Es profitierte jahrelang vom Outsourcing-Boom auf der britischen Insel. Carillion war auf die Übernahme von Gewerken von staatlichen Großprojekten (Organisationsrahmen: Privat Public Partnerschip, PPP) spezialisiert: Öffentliche Bauten, Straßen, Schienenwege. Die Verpflichtung zur EU-weiten Ausschreibung derartiger Projekte kostete dem Unternehmen letztlich den Kopf. Um die Mitarbeiter zu beschäftigen, akzeptierte das Management unprofitable Konditionen, »verbrannte« so auf Kosten der Marktpräsenz immer mehr Geld. Gleichzeitig forderten die Aktionären hohe Dividenden. Großaktionäre waren die englischen Pensionskassen, die jetzt als größte Verlierer übrigbleiben.

Im Juli 2017 lancierte das Management eine massive Gewinnwarnung. Der Aktienpreis fiel schlagartig von 200 auf 50 Pence.

Trotzdem (oder wegen der Sorge um Arbeitsplätze) vergaben Städte und die Regierung weiterhin Großaufträge an die Gesellschaft. So ging das Los für den Bau der Hochgeschwindigkeitstrasse von London nach Birmingham (55 Mrd. £) an Carillion. Im Dezember wurde bekannt, dass die Gesellschaft selbst die Pensionsansprüche ihrer Mitarbeiter verpfändet hatte. Einer Marktkapitalisierung  von 400 Mio. £ standen Verbindlichkeiten von ca. 1,5  Mrd. £ gegenüber Gläubigern und 587 Mio. £ ungedeckter Pensionsansprüche gegenüber. Der Cashbestand war auf 16 Millionen Pfund geschrumpft. Die Banken verweigerten weitere Kreditlinien. Die Regierung berief einen Arbeitskreis ein – und ließ das Unternehmen dann fallen.

Durch die Pleite verlieren die Mitarbeiter 10% ihrer Rentenansprüche. Der Schaden vergrößert den Fehlbetrag der britischen Pensionskassen nochmals. Insgesamt 19 Banken teilen sich die Abschreibungen auf eingeräumte Kredite. 45% der Kredite waren privat platziert. Wie die Aktionäre werden höchstwahrscheinlich auch Gläubiger entgeldet.

Interserve

Abbildung 1: Preisverlauf der Interserve-Aktien in London

Das Unternehmen beschäftigt weltweit 80.000 Mitarbeiter, ist also etwa doppelt so groß, wie die Carillion. Der Aktienpreis ist auf Jahressicht um 75 Prozent gesunken. Nach dem Kollaps der Carillion handelte die Regierung: Das Unternehmen kam auf eine Watchlist und muss nun (im öffentlichen Interesse) darlegen, dass die Profitabilität der übernommenen Aufträge ausreichend ist. Das Unternehmen steht quasi unter staatlicher Aufsicht. Kurioserweise hat diese Maßnahme den Aktienpreis kurzfristig stabilisiert. Als Ende Januar neue Gerüchte über Gewinnwarnungen aus der Baubranche aufkamen, wurde der Abverkauf der Aktie wieder aufgenommen. Die Regierung konnte sich offenbar nicht dazu durchringen, angemessene Preise für die vergebenen Leistungen zu zahlen.

Capita

Abbildung 2: Preisverlauf der Capita (in Pence)

Wir verlassen den Bausektor. Capita ist ein Kind des neoliberalen Kurses des Landes seit den 1980er Jahren. Der Staat zog sich aus allem zurück und überließ privaten Unternehmen sämtliche Service-Dienstleistungen.  Capita macht alles, wozu Menschen gebraucht (aber nicht adäquat gezahlt) werden. Es betreibt Straßen, Bahnlinien, Krankenhäuser, erbringt Bürodienstleistungen, zieht die Rundfunkgebühren ein, rechnet die Citi-Maut in London ab, ist ein Personaldienstleister, Softwareanbieter, Finanzdienstleister usw. Auftraggeber ist überwiegend der britische Staat. Es werden 75.000 Mitarbeiter beschäftigt. Ein Kollaps ähnlich der Carillion würde deutliche Spuren in der britischen Gesellschaft hinterlassen.

Ende Januar wechselte die Firmenleitung. Die erste Amtshandlung des neuen CEO:

  • Streichung der Dividende
  • Veräußerung von Geschäftsanteilen
  • Ausgabe einer Wandelanleihe über 700 Mio. £ (Kapitalerhöhung)

Das Ergebnis kann im Chart (Abb.2) bewundert werden. Noch 2015 kostete eine Aktie 1.200 Pence. 2018 ist sie für 200 Pence zu haben. Die Regierung bemühte sich sofort, keinen Vergleich zum Niedergang der Carillion aufkommen zu lassen.  Dennoch kann sie nicht verhindern, dass gemeinsame Mustern gefunden werden.

Allen britischen Outsourcern/Generalübernehmern ist gemein,  dass während der Niedrigzinsphase seit 2008 im Vertrauen auf weiter sprudelnde staatliche Aufträge umfangreiche schuldenfinanzierte Akquisitionen getätigt haben, deren Amortisationszeiten  lang sind. Das Ergebnis: Steigende Verbindlichkeiten, sinkende Marktkapitalisierung und zusätzlich sinkende Profitabilität. So sank der Gewinn pro Aktie bei der Capita von 0,4 im Jahr 2012 innerhalb von vier Jahren auf 0,06 Pence.

Nun steigen die Marktzinsen.  Kreditlinien müssen prolongiert werden. Das Ergebnis ist branchenweit eine katastrophale Verschlechterung der Bilanzqualität. Immerhin: die Aktienpreise preisen die Risiken und die veränderten Geschäftsaussichten angemessen ein. Ein Blick auf die Gläubigerseite ist ebenso erschütternd. Die Unternehmen sind im Inland verschuldet. Im Falle einer Systemkrise sind nicht nur Arbeitsplätze bedroht und essentiellen staatliche Aufgaben müssen neu organisiert werden. Der Ausfall von investmentgrade Anleihen, Privatdarlehen und Bankkrediten (allein Capita ist mit 3,5 Mrd. £ verschuldet) dürfte auch einige Gläubiger in eine Schieflage bringen.

Fazit

In der Outsourcing/Generalübernehmer-Branche ist der britische Staat der Hauptauftraggeber. 40 Jahre nachdem Thatcher den Gewerkschaften die Zähne zog und dann in den 1990ern Blair das Land neoliberal »verschlankte«, steckt die Outsourcing-Praxis des Landes in einer Krise. Eine Dekade mit repressiv gesenkten Zinsen und eine wenig transparente Marktsituation bewegte die Unternehmenslenker zu waghalsigen Kalkulationen und kostspieligen Akquisitionen. Nach der Brexit-Entscheidung stieg die Inflationsrate steil an. Etwa 9 Monate später steht die erste Branche vor großen Herausforderungen.

Die britische Insel kann mit einiger Berechtigung als Versuchslabor zur Observation der Auswirkungen der langen Niedrigzinsphase angesehen werden. Da die Marktzinsen auch in der USA stark anziehen, kann man dort ähnliche Entwicklungen erwarten. Die Analysten von Longview Economics bezeichnen 12% aller US-amerikanischer Unternehmen als »Zombi-Enterprises«. Sie können bereits jetzt Bedienung und Tilgung der aufgenommenen Kredite nicht aus dem operativen Geschäft tätigen. Jeder weitere Renditeschub erhöht den Marktstress. Die Vorboten dieser Zäsur sind bereits jetzt in  Großbritannien zu beobachten.